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Wenn die meisten Menschen an Vampire denken, beherrscht ein Name die Vorstellungskraft: Dracula.
Doch Jahrzehnte bevor Bram Stokers berühmter Graf seinen Sarg öffnete, spukte ein ganz anderes Geschöpf durch die Seiten der Gothic Fiction – Carmilla, die erste moderne Vampirin und eine der subversivsten Frauen der Literatur.
1872 veröffentlicht, ist Carmilla Dracula um sechsundzwanzig Jahre voraus und hat das gesamte Genre neu geprägt. Doch seit mehr als einem Jahrhundert haben die Leser vergessen, dass der ursprüngliche Vampir der englischen Literatur weder männlich, aristokratisch noch transsilvanisch war.
Sie war eine Frau.
Und sie war auf all die Weisen gefährlich, auf die Frauen nicht sein durften.
In der Folklore waren die frühesten Vampire meist weiblich oder geschlechtslos, geprägt nicht von aristokratischer Dekadenz, sondern von kulturellen Ängsten vor dem weiblichen Körper:
Die Anthropologie lehrt uns, dass Menstruationsblut – Quelle des Lebens – einst als so mächtig und unberechenbar galt, dass es zum Symbol für Unreinheit und Gefahr wurde. In vielen Regionen glaubte man, dass Frauen allein durch ihr Dasein außerhalb vorgeschriebener Rollen „Vitalität entziehen“ konnten.
Ist es da ein Wunder, dass die ersten Vampire ihnen sehr ähnlich sahen?
Was Carmilla auch heute noch revolutionär macht, ist, dass ihre Monstrosität nicht in Gewalt wurzelt – sie wurzelt in Begierde.
Sie will.
Sie wählt.
Sie verführt.
Ihr Hunger ist emotional, körperlich und spirituell.
Und für die viktorianische Gesellschaft war das weitaus bedrohlicher als Fangzähne.
Bram Stoker studierte Sheridan Le Fanus Schriften sorgfältig bei der Gestaltung von Dracula, und Wissenschaftler erkennen Carmilla weithin als einen seiner wesentlichen Einflüsse an. Während Stoker einen patriarchalischen Albtraum schuf, schuf Le Fanu etwas weitaus Subversiveres: eine Vampirin, die nicht nur eine Frau, sondern auch eine Geliebte war.
Ohne Carmilla wäre Dracula eine ganz andere Kreatur.
Heute, da Leser das archetypische Weibliche wiederentdecken – die Art, über die Clarissa Pinkola Estés in Die Wolfsfrau schreibt – ragt Carmilla höher denn je.
Sie ist nicht nur eine feministische Ikone.
Sie ist älter als das.
Instinktiver.
Mondhafter.
Gefährlicher.
Sie repräsentiert das Weibliche, das die patriarchalische Kultur fürchtete …
und das die moderne Kultur wieder beanspruchen will.
Die Sonderausgabe von Carmilla unserer Verlegerin und Chefredakteurin Ariane Saltoris holt die Originalnovelle wieder ans Licht – gepaart mit meinem exklusiven Essay:
Sie, die vor Dracula kam: Der erste Vampir war eine Frau
Darin untersuche ich:
Wenn dir jemals gesagt wurde, du wärst „zu viel“, „zu intensiv“ oder „zu hungrig“, dann ist Carmilla genau das Richtige für dich.